Verlust der Häßlichkeit

von Herbert Vorbach , April 95. Fotos: Udo Danielczyk
Einer der weisesten Sätze der Menschheitsgeschichte ist das dem Arzt und Rennaissance-Menschen Paracelsus zugeschriebene Wort, daß es vor allem die Dosis ist, die entscheidet, ob etwas gut oder schlecht ist. Soll der Akkord des realen Lebens harmonisch klingen, müssen seine Einzeltöne die richtige Lautstärke haben und es müssen auch immer mehrere Töne sein. Es kann also ein zuviel oder ein zuwenig an Schönheit geben und auch ein zuviel oder ein zuwenig an Häßlichkeit.

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Wenn wir das Stadtbild von Linz betrachten, muß uns bald eines auffallen: Unsere reiche Stadt leidet unter einem Mangel an Häßlichkeit, sie leidet an einem zuwenig des Unbotmäßigen, Verqueren und Störenden. So werden die Stadtränder nicht mehr von morastigen Schotterwegen angekündigt, spielende Kinder muß man nicht mehr auf kunterbunten Mistgstettn suchen, ja sogar die ehrwürdigen Traditionen etablierter Glasscherbenviertel sind schon nostalgisches Brachland geworden.

Doch nicht nur solch organisch gewachsene Kontrapunkte hat Linz verloren, es kommt auch zu keinen versehentlichen Verschandelungen mehr wie noch in früheren Jahrzehnten, als man dem Stadtteil Urfahr ohne viel Federlesens das Lentia 2000 antun konnte oder der Donau den Intertrading-Bau. Doch dann haben sich laufend schleichende Verbesserungen ergeben, schon das Neue Rathaus fiel dadurch auf, daß es nicht störte, der Posthof aber oder gar in jüngster Zeit das Design-Center sind angesichts des Zustands des Zeitgeistes fast ein Kompliment an diesen.

Auch dem natürlichen Lauf der Dinge ließ man keine Chance mehr, wollte einmal etwas alt und schäbig werden, durfte das nicht sein, sofort wurden energische Behübschungsoffensiven gestartet und allem ehrbar Häßlichen ging es an den abgewetzten Kragen. Nicht einmal graue Hausmauern duldete man mehr in Linz, hemmungslos wurden sie mit kitschigen Malereien versehen, dabei waren die "ungenützten" großflächigen Seitenwände von mehrstöckigen Häusern die letzten Ruhepunkte im visuellen Geschrei des City-Dschungels.

Wir müssen es offen zugeben: Das Häßliche und das Verquere, das Unbotmäßige und das Störende sind in Linz in eine echte Existenzkrise geraten. Nur mehr wenige Fluchtwege und Verstecke sind dem Häßlichen geblieben, die Kunst etwa leistet hier Bedeutendes, wenn wir an die herrlich rostige "Donauatlas"-Skulptur im Donaupark denken, auch der Betonbunker am Andreas-Hofer-Platz ist mit Respekt als überliefertes Monument der Bedrohlichkeit zu nennen oder der Durchgang des Passage-Kaufhauses, in dem man an verregneten Sonntag-Vormittagen echte städtische Trostlosigkeit erleben kann.

Cocooning: Wann kommt endlich der Sarg mit dem violetten Innenfutter?

Dabei wäre das Häßliche doch so wichtig für uns. Es hilft uns, die Dinge in ihrer Gegensätzlichkeit zu sehen und dadurch die Welt besser zu begreifen. Es fördert unsere Wachheit, es fordert uns zum Widerspruch heraus und regt dadurch unser Denken und unsere Träume an. Es bewirkt die Entstehung von ästhetischen Programmen und sozialen Bewegungen, es macht uns das Phänomen der Vergänglichkeit und damit die Grenzen unseres Tuns bewußt.

Während eine ausschließlich hübsche Welt mit der Zeit beliebig und belanglos wird und das Hirn verklebt wie ein Übermaß an Mehlspeisen den Magen, bringt die Existenz des Häßlichen Idealismus und Willen, Wertordnungen und Entschlußkraft hervor. Das Häßliche macht uns die Welt tatsächlich echter.

Angesichts des nach wie vor und immer stärker in Linz wütenden Behübschungswahns müssen wir für die Zukunft der heimischen Häßlichkeit allerdings das Schlimmste befürchten, da helfen auch die verzweifelt großartigen Glasscherbenexzesse nichts, die in den Sommermonaten Samstag nachts rund um den Stadtwerkstatt-Turm gleich neben dem Brucknerhaus stattfinden.

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Echte Städtische Trostlosigkeit.

Sunday morning coming down im Durchgang des

Passage-Kaufhauses

Für die Rettung des Häßlichen und seiner beschriebenen positiven Funktionen muß also sofort eine Initiative eingeleitet werden, die das Problem breiten Bevölkerungsschichten bewußt zu machen hat. Als erste Maßnahme für eine echtere Zukunft schlage ich dazu folgendes 5 Punkte-Programm vor:

Obwohl schon diese fünf Maßnahmen auf Unverständnis und Ablehnung stoßen werden, können sie nur ein erster Schritt sein. Allen Zweiflern und Ignoranten können wir aber entgegenhalten:

Wer heute das Häßliche nicht bewußt und freiwillig steuern will, wird es unbewußt und unfreiwillig leben müssen!