Von Waggerl zu Goisern, von der Reichsmark zum Euro

Wozu braucht Europa eine kulturelle Identität? Von Gerhard Scheit.

Hubert von Goisern geht als Botschafter für die Kulturhauptstadt Linz mit einer schwimmenden Konzertbühne auf Tour: quer durch Europa befährt er Donau, Rhein und Main, um an verschiedenen Stationen gemeinsam mit lokalen Musikern aufzutreten. Diese Tour sei ein »einendes Element, das keine Grenzen kennt … eine Erkundung europäischer Wirklichkeiten.« Dabei werde, so ein Informationspapier, »ein Europa, das sich langsam und sorgfältig ausprobiert hat, anlegen, um seine vielstimmige Ladung zu löschen.« Der Intendant der Kulturhauptstadt, wo dann 2009 das Abschlußkonzert stattfindet, sagt sehr richtig, es sei ein »zutiefst europäisches Projekt«: »Immerhin ist das Format der Kulturhauptstädte vor dreißig Jahren deshalb erfunden worden, weil es nötig schien, dem nach seiner Identität tastenden Europa kulturell den Rücken zu massieren. Hubert von Goiserns Konzerte sind Teil dieser Massage ...«
Immerhin aber ist »das Format« der Kritischen Theorie schon vor doppelt so langer Zeit erfunden worden, um solchen Phrasen über »kulturelle Identität«, die uns mit Hubert von Goisern ins Gehirn massiert werden, ein Ende zu machen. Damals schrieb Theodor W. Adorno im US-amerikanischen Exil über jenes Europa, das sich gerade »sorgfältig ausprobiert hat«: »Der Gedanke, daß nach diesem Krieg das Leben ‚normal’ weitergehen oder gar die Kultur ‚wiederaufgebaut’ werden könnte - als wäre nicht der Wiederaufbau von Kultur allein schon deren Negation -, ist idiotisch. Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch?«
Die Kultur wurde wiederaufgebaut, und sie diente zunächst vor allem dazu, die Tatsache, daß Millionen Juden ermordet worden sind, vergessen zu machen. Es war — und das vor allem in Österreich — eine Kultur des Vergessens, für die vielleicht das Heitere Herbarium des Karl Heinrich Waggerl als bestes Paradigma gelten kann. Aus Blut und Boden des Völkischen Beobachters von Wagrain sprossen nun die Blumen und Kräuter des Wirtschaftswunders.
Als diese Generation der »Täter, Mitläufer und Zuschauer« (Raul Hilberg) abtrat, kam die der Bewältiger der Vergangenheit an die Reihe, und die Kultur wurde ein zweites Mal wiederaufgebaut (in Österreich deutlich später als in Westdeutschland): diesmal als Kultur des Erinnerns, deren Zeitzeugen wir heute sind. Sie stellt sich bewußt der NS-Vergangenheit, indem etwa Lehrer die Schüler dazu anhalten, Briefe an ermordete Jüdinnen und Juden zu schreiben, um sie im Rahmen eines großen Events per Gasluftballons vom Wiener Heldenplatz aus in die Luft steigen zu lassen: »A Letter To The Stars«. Ähnlich erhaben müssen die massenhaften Gefühle gewesen sein, als die Wiener Philharmoniker, einst das Orchester mit der höchsten Dichte an Nationalsozialisten, im Jahr 2000 im ehemaligen Steinbruch des Lagers Mauthausen aufspielten. Gegeben wurde bei diesem Event, das wirklich unter dem Titel Mauthausen 2000 stattfand, wie könnte es anders sein, Beethovens Neunte.
Aus dem letzten Satz dieses Werks mit dem Text von Schillers Ode an die Freude stammt bekanntlich auch die Melodie, die sich die Europäische Union als Hymne gewählt hat — die aber nach der neuesten Version ihrer Verfassung, die keine wirkliche Verfassung mehr sein will, gleichfalls keine wirklich Hymne mehr sein soll. So verhält es sich in allem mit dieser neuen wiederaufgebauten Kultur: Sie dient einerseits dazu, den politischen Verbrechen des Nationalsozialismus endlich doch einen Sinn zu geben — nämlich den, daß Europa aus ihnen als dem »Ausprobierten« viel hat lernen können; und drückt andererseits eine politische Einheit aus, die als eigener Staat gerade nicht realisiert wird, werden kann oder werden soll.
Wozu auch, denn Europa ist bereits geeint worden — durch eben jene Verbrechen. In einer Denkschrift des Auswärtigen Amtes von 1943 wurde über die »Notwendigkeit einer Einigung Europas« gesagt: »Europa ist zu klein geworden für sich befehdende und sich gegenseitig absperrende Souveränitäten. Ein in sich zerspaltenes Europa ist auch zu schwach, um sich in der Welt in seiner Eigenart und Eigenkraft zu behaupten und sich den Frieden zu erhalten.« Manches in diesem Entwurf — die Schaffung eines periodischen »Staatenkongresses« und eines ständigen »Wirtschaftstags« — nimmt gewisse EU-Strukturen vorweg. Bemerkenswert aber ist vor allem, daß die Frage der staatlichen Souveränität nicht gelöst wird, sondern den »politischen Gegebenheiten« überlassen: »Wenn die Führung ein Vorrecht der stärksten Mächte ist, so bedeutet sie für diese auch die Verpflichtung, nur für den europäischen Frieden, Fortschritt und Wohlstand wirksam zu werden und sich auf das zu beschränken, was die Notwendigkeiten des europäischen Zusammenlebens unbedingt erfordern. Die Führung der Achsenmächte in Europa ist eine Tatsache, die sich aus den politischen Gegebenheiten von selbst ergibt. Einer besonderen Verankerung in der Verfassung des Staatenbundes bedarf sie, um sich auszuwirken, nicht. Ob und in welcher Form dieser Tatsache in der Verfassung des Bundes formaler Ausdruck verliehen wird, ist eine Frage, die nach Zweckmäßigkeitsgründen beurteilt werden muß.« Damals kam es nicht mehr zu langen Verfassungsdiskussionen, die Vernichtung hatte absoluten Vorrang: sie schuf die »politischen Gegebenheiten«; durch sie konnte man darauf verzichten, die Frage aufzuwerfen, wer denn nun eigentlich der Souverän in diesem vereinten Europa wäre. Die Absurdität des heutigen Einigungsprozesses, der die Einigung hintertreibt, beruht auf dem vergangenen Vernichtungskrieg. Und die Verdrängung der Souveränität, die sich das neue Europa auf die Fahnen geschrieben hat — als Weg zum »ewigen Frieden« des großen Immanuel Habermas —, ist das Eingeständnis dieser Herkunft, das niemand verstehen möchte.
Wie man in dieser EU vermeidet, die Einheit nach außen hin als politische Interessen bewußt zu machen — stattdessen wird von der »Verrechtlichung der internationalen Beziehungen« geschwafelt —, so soll sie sich im Inneren allein durch die Beschwörung »kultureller Identität« herstellen. Darum finden sich auf den Euro-Geldscheinen nicht wie sonst beim Geld der Souverän und seine Symbole abgebildet, sondern europäische Baustile; nicht reale Gebäude, die noch an einen bestimmten Ort gebunden, an einen bestimmten Staat erinnern würden, sondern allgemeine Stilmerkmale, die als solche nicht wirklich existieren, und hier wie in einem schlechten Lehrbuch dargeboten werden. Die Phrase von der »kulturellen Identität« ist wie diese Abbildungen fiktiver Gebäude: sie bedeutet alles und nichts. Sie erlaubt gleichzeitig Dialog mit dem Islam, Appeasement und Verständnis vom Ehrenmord bis zum Selbstmordattentat, denn die Identität ist selbstverständlich »multikulturell«, die »Ladung« Hubert von Goiserns »vielstimmig«; und fördert ebenso Rassismus gegenüber den Immigranten, indem das Multikulturelle sich immer wieder als Hierarchie der nationalen Herkunft entpuppt und der arische Jodler den Ton angibt, in den die vielstimmigen Hilfsvölker einstimmen. Sie kann von SPÖ-Kulturstadträten verwendet werden, um sich von der FPÖ abzugrenzen, und von FPÖ-Parteisekretären, um sich von der SPÖ zu unterscheiden. Sie ist für Europa der ideale Jargon der Demokratie, geht sie doch, wie verstohlen auch immer, von Völkern aus statt von Individuen. Während in den USA niemand eine »kulturelle Identität« braucht, weil in diesem Einwanderungsland die innere Einheit seit je durchs Recht und seine Institutionen hergestellt wird, entspricht die hierzulande kurrente Phrase exakt dem innereuropäischen Unstaat und außenpolitischen Chaos, das sich als EU etabliert. (»Unstaat« und »Chaos« sind die Begriffe, die Franz Neumann 1942, wie Adorno im US-Exil, für den nationalsozialistischen »Staat« fand.)
Was immer nun als »das Europäische« in der Kultur gefeiert wird, es trägt bewußt oder unbewußt das Seine bei, den kategorischen Imperativ nach Auschwitz zu dementieren — das heißt: nichts zu tun, daß Auschwitz sich nicht wiederhole. Und umso zahlreicher die Gedenkstätten und -Veranstaltungen für die ermordeten Juden, desto bedrohlicher die Situation für die lebenden, zumal wenn sie in Israel leben. Denn solange hier politische Tatsachen wie der Vernichtungswahn der Islamisten einfach verdrängt werden, nicht selten im Namen des Völkerrechts, ist alles Gedenken auch geeignet, der antiisraelischen Politik, die sich dann doch als Resultante von Unstaat und Chaos behauptet, ein gutes Gewissen zu organisieren. Endlich kommt, nur notdürftig durch political correctness verborgen, immer wieder die wahre Identität im »Unstaat« durch europaweite Umfragen zutage: die überwiegende Mehrheit der europäischen Bevölkerung sieht in Israel den Hauptfeind für den Frieden im Nahen Osten und in der einzigen wirklichen Schutzmacht Israels, den Vereinigten Staaten von Amerika, die Ursache für Krieg und Chaos in aller Welt.
Auf Karl Heinrich Waggerls Heiteres Herbarium des »neutralen Österreich« folgt Hubert von Goiserns »Erkundung europäischer Wirklichkeiten«. Als die FPÖ im April 2006 seine Musik bei einer Parteiveranstaltung verwendete, reagierte der Alpen- und Donauentertainer betroffen: »Ich stehe dafür, den Veränderungen ins Auge zu schauen und nach vorne zu blicken, nicht für den Versuch die Zeit aufzuhalten oder gar zurück zu drehen.« Dabei hatte er bei seiner Abschiedstour 2004 erst demonstriert, daß nach vorne schauen und die Zeit zurückdrehen für einen jodelnden Demokraten durchaus kein Widerspruch sein muß: »Ganz zart, fast unwirklich hallend, mit Trompeten-Flirren, gespenstigem Flügelschlag und Jodelseufzern dann ein anrührendes Wehmuts-Stück. ‚Das war dem Hitler sein Lieblingslied’, sagt von Goisern, ‚ehe er auf Märsche umgestiegen ist’.«*
Irgendwann wird er damit in der Gedenkstätte von Auschwitz auftreten, Europa wird sich geeint wissen und Israel, wie es der Iranische Präsident wünscht, auf der Landkarte nicht mehr zu finden sein.

Zurück zur Ausgabe: 
#75
8

& Drupal

Versorgerin 2011

rss